Zu Beginn dieses Kapitels über die Details des Therapie-Konzeptes EEG-Biofeedback bzw. Neurofeedback ein interessantes Zitat zu diesem Thema aus der Zeitschrift Focus vom 12. Februar 2007 (Ausgabe 7/2007):

LERNEN – Wellenreiten ins EEG-Biofeedback-NeurofeedbackGehirn

von FOCUS-Redakteur Werner Siefer

 

Vom Geheimtipp für Esoteriker zur seriösen Mentaltechnik: Neurofeedback soll wahre Wunderdinge vollbringen

Eigentlich ist Ingrid Zielosko ein Profi. Sie singt im Chor der Staatsoper Stuttgart. Morgens Probe, abends Vorstellung, erneut Probe oder ein privates Engagement. Die 54-jährige Sopranistin hat vieles erlebt in ihrem Berufsleben. Vor allem, wie heimtückisch das Lampenfieber wirkt. Sie weiß, es ist manchmal so stark, dass sie verkrampft und ihr Vortrag leidet. Es kann mitten auf der Bühne, ja mitten im Ton über sie herfallen. Warum, das weiß sie nicht.

Die Sängerin war erst einmal skeptisch, als ein Psychologe der Universität Tübingen Probanden für eine Studie suchte. Er wollte herausfinden, ob Lampenfieber mit Hilfe von Neurofeedback beherrschbar sei. Heute ist Zielosko glücklich, teilgenommen zu haben: „Ich kann meine Nervosität jetzt völlig kontrollieren und habe jederzeit Zugriff auf mein musikalisches Können.“

Nicht alle, die Neurofeedback ausprobiert haben, sind so euphorisch – doch nur wenige sind es nicht. Musiker, Chirurgen, Tänzer und Sportler sollen mit Hilfe dieses Gehirnwellen-Trainings ihre Leistung verbessern, Künstler oder Wissenschaftler ihre Kreativität erhöhen können – glaubt man ersten Studienergebnissen. „Es gibt dir enorme Energie“, verspricht John Gruzelier vom Londoner Goldsmiths College. „Wenn es darauf ankommt, hast du deine geistigen Ressourcen unter Kontrolle.“

Der Psychologe brachte das Kunststück fertig, mit Hilfe von Neurofeedback die Leistung von etwa 50 Studenten des Royal College of Music um ein bis zwei Notenstufen anzuheben – unter kontrollierten Studienbedingungen.

In dem unübersichtlich wuchernden Markt des Mentaltrainings ist das Neurofeedback seit Jahrzehnten ein kaum zu unterschätzender Umsatzfaktor. (…) Doch spätestens seitdem Niels Birbaumer, deutscher Altmeister der Hirnforschung an der Universität Tübingen, hyperaktive Kinder mit Neurofeedback behandelte, streift die Psychotechnik den Ruch des Esoterischen ab. Birbaumer brachte kleinen Patienten bei, wie sie ihre Aufmerksamkeit gezielt fokussieren können. Die Effizienz des Neurofeedback erwies sich dabei als genauso hoch wie eine Behandlung mit dem Pharmazeutikum Ritalin: Zwei Drittel waren danach ohne Symptome. Anders als bei dem Medikament jedoch hielt der Effekt nach dem Training mindestens ein Jahr vor – ohne dass Nebenwirkungen aufgetreten wären. „Das ist wie Skifahren“, erklärt Birbaumer, „wer es einmal gelernt hat, ist nie mehr Anfänger.“

Zitat Ende.

 

Tatsächlich hat sich – neben der „Peak Performance“ bei Gesunden – die Stress- und Schmerztherapie sowie vor allem die Behandlung von Symptomen der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als Kernbereich der Anwendung von Neurofeedback herauskristallisiert. So bildet auch in unserem TimeWaver Gesundheitszentrum die Behandlung von ADHS-Patienten den eigentlichen Schwerpunkt der Arbeit mit Neurofeedback, wobei aber das Ziel unserer Arbeit ist, den interessierten Anwender – nach einem intensiven, internen Training unter Anleitung – in die Lage zu versetzen, ggf. zuhause mit einem eigenen Gerät weiterzutrainieren. Gemeinsam mit dem Dipl.-Psych. Dr. Axel Kowalski und der deutschen QuanticaGruppe (www.quantica.de) um den renommierten Biophysiker Prof. Fritz-Albert Popp haben wir dafür ein von jedermann erwerbbares und handhabbares (preiswertes) EEG-/Neurofeedback-Gerät entwickelt, dass einem die schier grenzenlosen Möglichkeiten des Neurofeedbacks dauerhaft „nach Hause“ holt.

Nach offiziellen Schätzungen sind etwa drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (das sind immerhin 300.000 bis 500.000!) von den Symptomen der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen: Rein rechnerisch betrachtet sitzen damit in jeder deutschen Schulklasse ein bis zwei Kinder, die sich schlecht bis gar nicht konzentrieren können und meist durch ein inadäquates, den Unterricht störendes Verhalten auffallen. Fakt ist: ADHS ist mit einem Anteil von sieben bis zehn Prozent auch eine der häufigsten Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter überhaupt.

Fakt ist auch: Eine medikamentöse Therapie zeigt bei 35 bis 45 Prozent der eher unaufmerksamen Kinder und bei zehn bis 30 Prozent der Kinder, die sowohl unaufmerksam als auch hyperaktiv sind, keine Wirkung; weshalb etwa 50 Prozent aller Eltern mit ADHS-Kindern nach Angaben einer US-amerikanischen Studie bereits nach alternativen Behandlungsmethoden suchen. Das EEG-Biofeedback bzw. Neurofeedback ist mit seinen Erfolgen ganz eindeutig diese (schulmedizinisch bestätigte) alternative Therapieform – die zudem noch den wesentlichen Grundsatz der Komplementärmedizin erfüllt: Dem Patienten niemals mit einer Therapie gleichzeitig auch Schaden (Nebenwirkungen) zuzufügen.

Das Verfahren, das sich direkt mit den grundlegenden Prozessen des Denkens, also der messbaren naturelektrischen Aktivität der Gehirnzellen (den so genannten Hirnwellen), befasst, wurde erstmals von Professor Barry Sterman von der neurobiologischen und psychiatrischen Fakultät der Universität von Los Angeles angewendet. Dr. Joel Lubar, ein Kollege von Sterman, der an der Universität von Tennessee in Knoxville forschte, wandte Neurofeedback anschließend als erster Mediziner (lange vor den Tübinger Forschern) bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität an: Die Kinder wurden ruhiger, konnten sich besser konzentrieren, und die Motorik verbesserte sich. Inzwischen sind die positiven Effekte von Neurofeedback vielfach belegt: Nach zweimonatiger Behandlung können bis dahin notwendige Medikamente meist reduziert werden, und auch nach drei, fünf oder zehn Jahren ist die verbesserte Konzentrationsfähigkeit noch erhalten.

Neurofeedback basiert von der Technik her auf dem Konzept des EEG (Elektroenzephalographie). Während der Messung der Hirnwellen mit dem EEG muss allerdings darauf geachtet werden, dass Personen, deren Hirnaktivität gemessen werden sollen, möglichst motorisch ruhig – also bewegungsfrei – sind. Gerade in der Behandlung von hyperaktiven Kindern ist diese Vorraussetzung natürlich schwierig zu realisieren und erfordert eine besondere verhaltenstherapeutische Erfahrung des Trainers bzw. Arztes. Außerdem dürfen natürlich keine anderen elektrischen Einflüsse von außen die Messung stören.

EEG-Biofeedback und NeurofeedbackDas Rohsignal des EEGs (Gehirnstromkurve) wird zur Auswertung online und simultan mit Hilfe eines Computers und einer speziell dafür entwickelten Software in seine verschiedenen Frequenzbereiche zerlegt. Die Frequenzeigenschaft, also wie häufig die jeweiligen Sinus-(Wellen-)Bestandteile der Hirnaktivität pro Sekunde oszillieren, wird dann als ein wesentliches Maß zur Beschreibung des Charakters der gemessenen Hirnwellen verwendet. Eine andere Eigenschaft der (Hirn-)Wellen ist die Amplitude, die eine Aussage darüber ermöglicht, wie stark die betrachtete Frequenz vorhanden ist.

Ein Hauptaugenmerk liegt beim Neurofeedback genau auf dem Training zur Erhöhung oder Verminderung dieser Schwingungsamplituden der Frequenzen eines EEG-Frequenzbandes. Wie beschrieben, werden die Frequenzen der Hirnwellen zu definierten Frequenzbändern zusammengefasst, die mit bestimmten grundlegenden
Verhaltenseigenschaften in Verbindung stehen. Die Frequenzgrenzen sind allerdings nur Richtwerte, deren Größen um 1 bis 2 Hz variieren können. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, das menschliche Gehirn, bzw. die gemessene elektrische
Hirnaktivität, aufgrund der Plastizität der neuronalen Grundstruktur immer als dynamisches Ganzes zu betrachten. Für die Interpretation der Frequenzbereiche bedeutet dies: Ein bestimmter Frequenzbereich kann zu bestimmten Zeiten das EEG dominieren, die übrigen Frequenzbereiche bzw. Wellenformen sind aber dennoch
immer auch ebenfalls vorhanden. Beispiele für eine solche Dominanz sind: die Tiefschlafphase, deren Charakteristik von den langsamen Delta-Wellen bestimmt wird, sowie Ruhephasen mit geschlossenen Augen, die von Alpha-Wellen dominiert werden.

Die im EEG auftretende / gemessene Spannung ist dabei umso größer, je mehr Nervenzellen lokal synchron „feuern“. Beim Neurofeedback-Amplitudentraining werden letztendlich solche lokale Synchronizitäten (der Nervenzellen) im Gehirn trainiert. Dabei muss nicht zwangsläufig eine erhöhte Synchronizität erwünscht sein, oft wird auch das Erreichen einer geringeren Amplitude, also weniger Synchronizität, mit positivem Feedback belegt. Des Weiteren werden oft mehrere Bedingungen gleichzeitig trainiert. Es gibt also für den Probanden nur dann positives Feedback, wenn er in einem Frequenzbereich beispielsweise eine höhere Amplitude erreicht und gleichzeitig in einem anderen Frequenzbereich eine niedrigere Amplitude. Damit kann gezielter auf die individuelle Zusammensetzung des gesamten EEGs eines Probanden eingegangen werden.

Das heißt: EEG-Wellenanteile (Frequenzbereiche), die als vorteilhaft bekannt sind, werden bei Auftreten belohnt. Frequenzband-Amplituden, die als weniger vorteilhaft bekannt sind (wie zum Beispiel das niedrige Theta – typisch für Konzentrationsmangel; und high Beta – Stress, hektischer Gedankenablauf) werden unterdrückt bzw. es wird in diesem Fall belohnt, wenn sich die Amplitude verringert. Ganz wichtig: Neurofeedback arbeitet dabei ausschließlich mit belohnendem Feedback.
Geleitet von diesem kontinuierlichen „Feedback“ über seine gerade stattfindende Gehirnaktivität kann bzw. soll der Patient nun versuchen, diese immer stärker und bewusster in eine je nach Indikation vorgegebene Richtung zu verändern. Beim reinen Konzentrationstraining soll z.B. versucht werden, die Gehirnwellen in den langsameren Frequenzbereichen zu unterdrücken und in schnelleren Frequenzbereichen zu verstärken. Hierzu stellt der Trainer (Arzt) für jeden Bereich und für jeden Patienten individuell ermittelte Schwellenwerte ein.

Gelingt dem Klienten diese Aufgabe, erfolgt umgehend die visuelle oder akustische „Belohnung“ durch den Computer, bzw. auf dem Feedback- oder Rückmeldebildschirm. Im Beispiel des 9jährigen Mädchens, das wir weiter oben zitiert haben, war dies das unterbrechungsfreie Abspielen des Delphin-Videos. Wenn alle Diagnose-„Balken“ eines EEGs, die die jeweiligen Amplitudenwerte in den Bereichen Theta (aufmerksam – abgelenkt), LoBeta (unkonzentriert – konzentriert) und HiBeta (entspannt – angespannt) anzeigen, im gewünschten „grünen“ Bereich sind, wird das Video weiter abgespielt.

EEG-Biofeedback-NeurofeedbackDas Neurofedback-Training soll die Patienten also in die Lage versetzen, ihr Verhalten entsprechend den Anforderungen ihrer jeweiligen Alltags- oder Leistungssituation selbständig und dynamisch anzupassen. So kann bspw. die Dominanz der Theta-Wellen kurz vor dem Einschlafen durchaus erwünscht oder geradezu notwendig sein. Im Klassenzimmer während einer wichtigen Arbeit oder in anderen eher leistungsbezogenen Situation ist diese Dominanz jedoch kontraproduktiv: Der (kleine) Patient kann sich nicht konzentrieren, schweift mit seinen Gedanken dauernd ab.

Ein wesentlicher Aspekt des Trainings liegt daher immer wieder in der genauen Feststellung der individuellen Problematik durch den Trainer bzw. Arzt: Wann tauchen die Probleme im konkreten Tagesablauf des Patienten auf? – Dies gilt auch und gerade für den Bereich der Aufmerksamkeitsstörung, denn hier wäre eine reine Reduktion der störenden Frequenzanteile und eine ausschließliche Verstärkung der erwünschten Anteile zwar momentan hilfreich und vielleicht auch ausreichend. Ein allein situationsunabhängiges Training würde den Patienten aber auf lange Sicht nicht in die Lage versetzen, die von ihm erlernte Technik auch zielgerichtet im gesamten Alltag zu nutzen.

Prinzipiell besteht je nach Diagnose und Indikation immer die Möglichkeit, alle genannten Frequenzbereiche sowohl herauf- als auch herunterzutrainieren. Aber wie bei allen Feedback-Techniken gilt auch hier: Die Art und Weise wie jemand diese Aufgabe bewältigt ist nicht fest vorgegeben. Jeder Patient und Anwender versucht stets seinen ganz eigenen Lösungsansatz zu finden, der Trainer oder Therapeut achtet „nur“ darauf, dass die ausgewählten Kriterien auch tatsächlich zwischen 60 und 90 Prozent der Trainingszeit eingehalten werden; denn nur so kann ein positiver Lernprozess dauerhaft und nachhaltig in Gang gesetzt werden.

Der wichtigste Bestandteil des Trainingsprozesses bleibt aber, dass Anwender des Neurofeedbacks ihre neu erworbenen Fähigkeiten auch im Alltag zuverlässig anwenden und trainieren; hier kommt es also wieder voll auf die Eigenverantwortung der Anwender und Patienten an. Je öfter jemand beispielsweise von einer gelernten Entspannungstechnik in stressigen Situationen seines Alltags Gebrauch macht – und je effektiver er den anfallenden Stress dadurch reduzieren kann -, desto häufiger wird er naturgemäß auch die Technik stabil für sich einsetzen wollen. Das wird jeder Anwender und Patient am Anfang eines Trainings sehr bewusst angehen müssen – eine Tatsache, die von den Betroffenen erst einmal oft als anstrengend empfunden wird. Aber die Anstrengung lohnt sich: Schon nach kurzer Zeit wird jeder feststellen, dass man schnell auch ohne großartig darüber nachzudenken mit Hilfe des Neurofeedbacks sein Leben immer besser „in den Griff” bekommt – quasi dann auch unbewusst, bzw. intuitiv.

(Anmerkung: Die in diesem Kapital dargelegten Sachverhalte basieren größtenteils auf dem Beitrag „Neurofeedback – Dem Verhalten auf die Sprünge helfen“ von Dipl.-Psych. Dr. Axel Kowalski, erschienen in der Zeitschrift „CO-MED“, Ausgabe 10/2008.)

 

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